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  • AutorenbildChristoph Heilig

Künstliche Intelligenz und die Zukunft der Buchbranche



Grundsätzlich scheint es mir, als würde die Berichterstattung rund um KI und die Zukunft des Literaturbetriebs mittlerweile differenzierter werden. Rund um die Frankfurter Buchmesse 2023 schien man in den Medien gerade erst – nach über einem Jahr ChatGPT und vielen Jahren der Forschung an großen Sprachmodellen – auf potenzielle Umwälzungen aufmerksam zu werden. Erstaunlich fand ich dabei, die Leichtfertigkeit, mit der man da Akteure ohne tiefergehende Kenntnis der technischen Entwicklung weitreichende Prognosen hat machen lassen. Beispielsweise durfte in den Tagesthemen vom 17. Oktober der Kinderbuchautor Jochen Till das Schlusswort liefern:


„Die KI kann da vielleicht ein bisschen rumkopieren und so. Aber was richtig Kreatives kommt da glaube ich nicht bei raus.“


Diese Meinung darf er freilich haben, lässt man sie als öffentlich-rechtlicher Fernsehsender aber so stehen, scheint man damit doch zumindest zu implizieren, es gäbe zur Frage von Kreativität und großen Sprachmodellen noch nichts Belastbares zu sagen. Und das trotz dutzender wissenschaftlicher Studien zu genau dieser Fragestellung.


Vor diesem Hintergrund finde ich es durchaus positiv, dass diverse Medien den Themenkomplex nun sorgfältiger und aus verschiedenen Perspektiven beleuchten. Zugleich habe ich den Eindruck, dass genau das – der Wunsch nach möglichst ausführlicher Diskussion – selbst wieder dazu führt, dass man es mit der Sorgfalt der Berichterstattung nicht so ernst nimmt. Beispielsweise das Börsenblatt nimmt sich in letzter Zeit vermehrt der Thematik an. Doch unter Unpräzises und Halbwahrheiten (die notgedrungen auftreten, wenn plötzlich über Dinge diskutiert wird, die es nahezu unmöglich machen, in allen relevanten Bereichen Expertise aufzuweisen) mischt sich da schnell auch mal die eine oder andere komplette Falschaussage. So schreibt etwa Kai-Uwe Vogt in einem Beitrag letzte Woche:


Ich muss an Google-Entwickler denken, die plötzlich feststellten, dass das Google-Tool ‚Palm‘ [sic] sich selbst Bengalisch beigebracht hat – und niemand wusste, warum.“


Nun ist es leider so, dass dieses Ereignis nie stattgefunden hat. Es dauerte damals nicht lange, bis Experten diese Behauptung als „Lüge“ entlarvten. Und auch manche Journalist*innen – wenn auch viel zu wenige – wiesen darauf hin, dass sie „schockierend falsch“ sei.

Das Statement im Börsenblatt-Artikel ist nicht einfach schlecht recherchiert - es ist wohl eher gar nicht recherchiert. Es handelt sich bei dieser Behauptung wohl um eine bloße „Halluzination“, wie man sie doch gerade der Künstlichen Intelligenz immer zuschreibt. Man hat den Eindruck, der Autor habe mal irgendetwas gehört, was in diese Richtung ging, und dann einfach auf gut Glück niedergeschrieben. Das zeigt sich meiner Meinung nach gerade daran, dass damals, als diese Ente durch die (uninformierte) Presse ging, gerade nicht von "PaLM" die Rede war, sondern von Google Bard. Einige, die mit der Entwicklung nicht vertraut waren, meinten nach einer irreführenden Aussage von CEO Sundar Pichai, dieses Sprachmodell müsse sich Bengalisch selbst beigebracht haben, da keine Texte in dieser Sprache im Trainingsset vorhanden waren. Dabei wurde übersehen, dass das Vorgängermodell von Bard - PaLM - natürlich sehr wohl mit solchem Material trainiert worden war. Das war zu diesem Zeitpunkt durch den entsprechenden Google-Bericht längst bekannt.


Es ist natürlich verständlich, dass man als Nicht-Experte in dieser Medienflut solchen „fake news“ aufsitzt und diese falsch abspeichert. Auch mir ist das sicherlich schon passiert. Und natürlich ist deswegen nicht alles falsch, was der Autor in seinem Beitrag schreibt und im Hinblick auf die Zukunft spekuliert. Aber man merkt eben doch, dass er von verwandten, letztlich aber doch ganz anderen technischen Entwicklungen im großen Bereich der KI ausgeht. Dadurch kommt es zu einem Missverständnis dessen, was große Sprachmodelle überhaupt sind. Und es scheint mir sehr problematisch, wenn man über die Zukunft einer ganzen Branche diskutiert und dabei von völlig falschen Grundannahmen zum Wesen großer Sprachmodelle ausgeht.


Weil mir das Thema am Herzen liegt, werde ich heute Abend (11. März) zwischen 20 und 21 Uhr für die Textmanufaktur ein kostenloses Webinar durchführen. Hier kann man sich noch anmelden. Ausführlicher und praktischer noch wird es dann bei der narrativa diesen Sommer in München werden (Infos hier).

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