Attentat aus der Mitte des Christentums
- Christoph Heilig
- 23. Mai
- 3 Min. Lesezeit
Als Experte für die politische Dimension der Bibel habe ich mich ausführlich mit den Bibelzitaten im Manifest des Trump-Attentäters Cole Allen beschäftigt. Zudem habe ich KI-gestützt die über 5.000 Social-Media-Posts (auf X und Bluesky), die ihm zugeschrieben werden, vorgefiltert und dann im Hinblick auf sein religiöses Profil ausgewertet.
Meine Ergebnisse weichen teilweise stark von dem Bild ab, das Präsident Trump (der Allen als "anti-christlich" charakterisierte) zeichnete:
Allens Radikalisierung. Anfangs drehten sich Allens Posts (damals noch auf Twitter) ausschließlich um Gaming. Politisiert hat ihn anscheinend der Ukrainekrieg. Hier zeigt sich erstmals das Deutungsmuster "Mitschuld durch Untätigkeit". Zunächst richtete es sich gegen Biden, dem er ein zu zögerliches Verhalten vorwarf, später lenkte er es auf Trump um. Allens Quellen, die er teilt und mit denen er interagiert (dann vor allem auf Bluesky), gehören zum trumpkritischen Mainstream: progressive christliche Stimmen, ukrainefreundliche Analysten, Historiker wie Timothy Snyder, konservative Trump-Gegner aus dem "Never Trump"-Lager. Konkret reagiert er dabei – in seinen Posts wie im Manifest – auf reale Politikfelder: die als sträflich empfundene US-Untätigkeit gegenüber den russischen Angriffen auf die Ukraine, die Lager- und Abschiebepraxis der ICE, die Eskalation in Gaza und einen drohenden Iran-Krieg, die extralegalen Tötungen mutmaßlicher Drogenschmuggler vor Venezuela sowie eine Innenpolitik, die aus seiner Sicht Menschen sterben lässt (Impfgegnerschaft, Kürzungen im Gesundheitswesen).
Allens Bibellektüre. Allen bedient sich in seiner Kritik der Politik Trumps immer wieder auch der Bibel, auch der Johannesoffenbarung, die aus einer Unterdrückungssituation früher Christ:innen heraus viele Gewaltbilder verwendet. Es lässt sich hierbei jedoch keine Spur eines überhitzten Endzeitglaubens erkennen, die Allen – wie spekuliert wurde – vielleicht zu einem Strafhandeln im Sinne Gottes getrieben haben könnte. Im Gegenteil: Allens Bibellektüre ist durch eine ausgesprochen vorsichtige und reflektierte Hermeneutik gekennzeichnet. Wo Prägung durch eine bestimmte christliche Tradition ausgemacht werden kann, sind dies ein eher moderater reformierter Protestantismus und gegenwärtige progressive Strömungen, welche soziale Gerechtigkeit betonen.
Der Tyrannenmord aus Nächstenliebe. Die Bereitschaft zu Gewalt ergibt sich bei Allen aus seiner Diagnose der politischen Gegenwart, die er trumpkritischen Medien entnimmt (s. o.), sowie aus politiktheoretischen Voraussetzungen zum Wesen der US-amerikanischen Republik, welche Platz für Gewalt lassen (analog etwa zu Gewalt im Widerstand gegen die britische Monarchie). Aus dieser Kombination ergibt sich für ihn die Notwendigkeit zum Attentat. Die Bibel wird im Manifest herangezogen, um mögliche Einwände zu entkräften, die man aus christlicher Sicht an den versuchten Mord formulieren könnte. Gerade der Verweis auf das Gebot Jesu zum Gewaltverzicht (das "Hinhalten der anderen Wange") zeigt, dass Allen sich hier in einen christlichen Binnendiskurs begibt. Gegen pazifistische christliche Strömungen argumentiert er, das Gebot gelte nur, wenn man selbst benachteiligt sei. Wenn andere unterdrückt würden, dürfe man nicht tatenlos zusehen, da man sich ansonsten mitschuldig mache. Diese Verpflichtung gelte auch, wenn man dadurch persönlich große Nachteile in Kauf nehmen müsse. Dieses Begründungsmuster zum Tyrannenmord entspricht einer verbreiteten Denkfigur in der christlichen politischen Ethik des Widerstands der Gegenwart. Auch wenn Allens Ausformulierung der Position theologisch unterreflektiert ist, ist sie dennoch im Mainstream des Protestantismus zu verorten.
Konsequenzen. Allens politiktheoretische Voraussetzungen mögen ihn von vielen anderen progressiven Christ:innen in den USA unterscheiden. Dazu kommt der Vorbehalt, dass zum gegenwärtigen Zeitpunkt nichts über eventuell erschwerende psychologische Faktoren ausgesagt werden kann. Tatsache ist jedoch, dass Allens religiöses Profil in keiner Weise außergewöhnlich ist – und ebenso wenig seine Einschätzungen zu Trumps Politik. Die Kombination eines Framings von Trump als Tyrannen mit einer mehrheitsfähigen christlichen Populärethik führt konsequent zum Attentatsversuch. Das Gewaltpotenzial in den USA darf daher keinesfalls unterschätzt werden – auch nicht das aus der politischen Mitte stammende. Für vergleichbare Taten bedarf es keiner religiösen Radikalisierung. Wenn Trump als eine Art zweiter Hitler gesehen wird, ist die eigentliche Frage nur, ob andere Christ:innen den Mut zu einem aus ihrer Sicht konsequenten Handeln finden.
Die ausführlichen Analysen (auf Englisch):
Deutschsprachige Berichterstattung zu diesen Analysen:
Attentat auf Trump: Theologe Heilig warnt vor Gewaltpotenzial im protestantischen Mainstream (Sonntagsblatt)
Cole Allen und die Bibel: War der Trump-Attentäter Christ? (PRO Medienmagazin) – mit Verweis auf ein Gespräch im Podcast "Glaube. Macht. Politik."
Wie sehr bezog sich der mutmassliche Trump-Attentäter auf die Bibel? (ref.ch)
Kontakt für weitere Informationen: info@christoph-heilig.de



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